Drei Bürgermeister-Generationen im Interview!

Generationen-Gespräch zwischen Ortsbürgermeistern bringt Überraschendes an den Tag

Drei Bürgermeister-Generationen im Interview!

Ins Gespräch kommen mit den Älteren, den Austausch suchen zwischen den Generationen – auch dieses Ziel verfolgt der Arbeitskreis Historisches Grolsheim, neben einer Zusammenstellung einer Ortschronik zum 1250-jährigen Jubiläum dieses kleinen rheinhessischen Ortes an der Nahe, beschäftigt sich der Verein durchaus innovativ mit der Vergangenheit Grolsheims.

So organisierten Mitglieder des Arbeitskreises, Vera Seibel und Hilke Wiegers, Corona-bedingt mit per Videokonferenz jüngst ein Gespräch mit drei Grolsheimer Ortsbürgermeister:innen und zwar zwischen dem heute 91-jährigen Karl-Heinz Hahn, der 60-jährigen Heidi Hahn-Axt und dem 28-jährigen Matthias Hang. Es war ein reger Austausch, der den Teilnehmenden so manches Aha-Erlebnis einbrachte.

So entdeckten Alt-Bürgermeister Hahn und „Jung“-Bürgermeister Hang so manche Gemeinsamkeit – angefangen bei ihren Berufserfahrungen, denn beide Männer haben für die Bahn gearbeitet. Karl-Heinz Hahn u.a. als Fahrdienstleiter am Bahnhof Gensingen-Horrweiler, Matthias Hang als Wirtschaftsingenieur für Eisenbahnwesen. Alle drei Grolsheimer Kommunalpolitiker sprangen sozusagen ins kalte Wasser, als sie das Amt des Ortsbürgermeisters übernahmen. Als Tochter von Karl-Heinz Hahn war Heidi Hahn-Axt vielleicht schon ein bisschen darauf vorbereitet, wie viel diese ehrenamtliche Aufgabe von einem abverlangt.

Bei Karl-Heinz Hahn ist es nun schon über 60 Jahre her, dass er gewählt wurde. Als er mit 31 Jahren 1960 zum Ortsbürgermeister gewählt wurde (damals noch durch den Gemeinderat) zählte Grolsheim nur rund 450 Einwohner. Es gab noch keine Kanalisation, nur ein kleines Neubaugebiet, die Straßen und Gassen waren fast alle noch mit Nahe-Wacken gepflastert. Weil die Umgehungsstraße von heute noch nicht gebaut war, donnerten durch die Hauptstraße unzählige Lkws und machten für die Grolsheimer:innen die Nacht zum Tage.

Als Karl-Heinz Hahn mit 70 Jahren nach 39-jähriger Amtszeit 1999 sein Amt in die Hände von Frank Nauheimer gab, hatte sich sein Heimatort stark verändert. Die Einwohnerzahl war durch Neubaugebiete auf fast 1000 angestiegen. Und der Bau der Umgehungsstraße 1984 hatte den Ort von der ebenso gefährlichen wie lautstarken „Blechlawine“ befreit. Von den landwirtschaftlichen Wurzeln, die noch 1960 in Grolsheim deutlich zu sehen waren, war kaum noch etwas zu spüren.

Dass das Ehrenamt des Ortsbürgermeisters damals wie heute viel Arbeit macht, darüber waren alle drei BürgermeisterInnen einig. 1960 konnte Hahn in seinem kommunalen Ehrenamt noch nicht auf das Verwaltungs-Know-How einer Verbandsgemeinde zurückgreifen. Verwaltungsfragen musste er noch beim Kreisamt in Bingen klären. Weil Hahn nur drei Tage pro Vierteljahr von seinem Arbeitgeber, der Bahn, für sein Ehrenamt freigestellt war, übernahm seine Familie viele Sekretariatsdienste, insbesondere tagsüber die Annahme von Telefonaten. Daran kann sich seine Tochter Heidi Hahn-Axt noch sehr gut erinnern und berichtet aus ihrer Sicht, wie wichtig der Rückhalt der eigenen Familie ist. Matthias Hang hat seit kurzem zwar eine eigene Sekretärin – allerdings erreichen ihn – dank der Digitalisierung – heutzutage Anfragen nicht mehr nur über das Telefon, sondern rund um die Uhr über viele andere digitale Kanäle.

Grolsheim ist wegen seiner verkehrsgünstigen Lage nach wie vor ein gefragter Wohnort – allerdings sind die Boden-Preise im Vergleich zu den 1960er Jahren, als man pro Quadratmeter teilweise noch 10 DM zahlte, exorbitant gestiegen. 1984 lag er noch, so berichtet Heidi Hahn-Axt, bei 40 DM. 2021 sieht das schon ganz anders aus. Und so erzählt – noch etwas geschockt –Jung-Bürgermeister Matthias Hang, dass gerade ein im Internet angebotenes Grundstück für 400 Euro der Quadratmeter verkauft wurde.

Sich über das Gestern und Heute auszutauschen erwies sich im Laufe des lebhaft geführten Gesprächs als sehr spannend. Wer hätte denn gedacht, dass sich z. B. die internationalen sportlichen Erfolge des Grolsheimer Sportfischer-Vereins „Ukelei“ in den 1970er und 1980er Jahren sogar bis in die damalige Bundeshauptstadt Bonn herumsprachen? Oder dass es, wie Heidi Hahn-Axt berichtete, in Grolsheim mal eine Fußgängerampel gab oder dass die Streckenführung der Umgehungsstraße zunächst über die Nahe gehen sollte? Oder dass sich Grolsheim derzeit um eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in Polen bemüht? Hinter diesen Plänen und Planungen stehen zahllose kräftezehrende Diskussionen in manchmal endlosen Gemeinderatssitzungen und viele nicht immer leichte Entscheidungen, die getroffen werden müssen und mussten. Gestern wie heute setzt das Ehrenamt der Ortsbürgermeisterin bzw. des Ortsbürgermeisters viel Idealismus voraus. Man darf gespannt sein, was die nächsten Jahrzehnte wohl bringen werden ...

Text: Hilke Wiegers

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